
Seit einigen Wochen haben wir weitere Unterrichtseinheiten mit weiteren Lehrenden. Françoise Berserik lässt uns Mittwoch morgens Schrift in Stein schlagen. Zum Auftakt hat sie uns auf einen Letteringwalk durch die Innenstadt mitgenommen. Großartig. Großartig war sogar das Wetter, einer der kältesten, aber auch schönsten Tage des Herbstes.

Die erste Übung im Kurs war, einen Stammstummel mit zwei verschiedenen Enden zu schlagen. Auf einer Seite eine Sans-Serife, auf der anderen eine Serife oder auch Fisch-Serife. Ich habe einen harten, grauen Stein aus Belgien, der total stinkt, nach Schwefel und anderen Noten aus den Sedimenten des Planeten. Aber der Stein ist gut zu mir und so mag ich den Geruch. Ich dachte, er wär so schön weich, weil er so nett zu mir ist und meine Geraden und Winkel recht treu annimmt. Bis Françoise mich aufgeklärt hat, dass es genau das Gegenteil ist: er ist wunderbar hart. Öhm.

Die erste Entdeckung war, dass man den Stamm nicht vom Umriss denken muss, sondern aus der Mitte. Das heißt, beim Anzeichnen ist es erstmal schon noch wie man denkt, aber wenn man dann einmal eine Mittellinie im Stamm definiert hat, passiert alles weitere von dort aus.

Man schabt und schlägt sich vorsichtig und in dünnen Schichten in den Stein und geht nach und nach tiefer, aus der Mitte heraus. Bei Kurven setzt man außen an und versucht zunächst, die geplante Fluglinie soweit festzuklopfen, dass der Meißel eine Führung bekommt. Wenn die passt, muss man danach nur brav folgen. Danke, Frank für das Foto! Und: Ja, den Pullover gibts immer noch.

Die nächste Überraschung war, dass man auch bei Stein korrigieren kann. Zuerst hat man Angst, dass ein falscher Schlag gleich alles versauen kann. Das ist aber nicht so, weil man ja schichtweise tiefer geht, kann man auch Misslungenes wieder in Ordnung bringen. Gegen Ende wirds immer langsamer und genauer, und man macht Rubbelproben, die einem ein anderes Bild geben. Hier sieht man vieles, was am Stein nicht auffällt. Andererseits ist das Bild im Stein doch etwas anderes, wegen Plastizität und Licht und allem. Das eine steht nicht für das andere.

In der zweiten Übung haben wir ein »R« vorgezeichnet. Weil man die Counter ausgleichen muss, weil es horizontale, vertikale und diagonale Striche hat und ein wichtiges Dick-dünn-Spiel. Man muss mit den dünnsten Stellen vorsichtig anfangen und dann in die fetten/tiefen Teile gehen.

Die Bogen sind auch beim Stein gedachte weichfließende Kurven. Wie bei einem zeichnerischen Prozess geht man die Ideallinie immer wieder entlang und versucht, an den richtigen Stellen die Dynamik hineinzubringen. Da stand ich dann oft wie der Ochs vorm Berg. Man sieht vielleicht, wo es hin soll, aber muss dann jetzt oben am Strich mehr weg oder unten. Bzw. gleichmäßig, oder gerade nicht. Da fragt man dann Françoise, weil man am Ende wirklich alles versauen kann. Françoise sagt einem auch, wann man aufhören soll. Super.