Fritz Grögel

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Fahrn fahrn fahrn

In Het Leventje on 21. Oktober 2009 at 00:52
Den Haag Centraal von hinten

Den Haag Centraal von hinten

Flo hatte mich an meinem dritten Tag in Holland geimpft, dass ich nach einem Jahr hier kein böses Wort mehr für die Deutsche Bahn finden werde. Ich war sprachlos und ungläubig. Mein Eindruck von der Holländischen Bahn ist bisher sehr gut. Manchmal etwas rumplelig, auf verschiedenen Ebenen, aber alles in allem effizient und gut verfügbar. Das heute hatte Eventcharakter.

In Utrecht bin ich in einen älteren Doppelstockzug mit »Den Haag Centraal«-Anzeige gestiegen, am Gleis mit der Anschrift »IC Den Haag Centraal 21:45 h«. Ich habe die (niederländischen) Ansagen aufmerksam verfolgt, es kamen einige, allerdings nichts was den Zug vor meinen Augen betroffen hätte. Ich rauche eine Zigarette an der Rookzuil. Ich setze mich rein, in einen Wagen, in den zuvor zwei Holländer eingestiegen sind. Nach einer Weile geht das Licht aus und die Türen schließen. Ein Holländer springt auf, rennt zur Tür, kuckt raus auf die Anzeige, geht dann wieder ruhig zurück. Dann fährt der Zug an, in die falsche Richtung. Das Licht geht nicht wieder an. Es dämmert: der fährt ins Dépot. Scheiße.

Die zwei vermutlichen Berufskollegen (ein Mann und eine Frau mittleren Alters) springen herbei und wechseln eifrig Worte. Ich frage: »This train is not goingt to The Hague, right ?«. Schmunzeln, Lachen, »no, for sure not«. Doch der Spaß ist schnell vorbei. denn der Zug fährt ein ordentliches Stück raus aus dem Bahnhof. Mit dem Verschwinden des Bahnsteigs vor dem Fenster entschwindet jede Hoffnung auf schadensfreie Aufklärung dieses Irrtums.

Der Zug kommt zum Stehen und das Licht bleibt aus. Wir sind ziemlich in der Mitte des Zuges. Der Fahrer könnte jetzt austeigen und wir würden irgendwann vom Reinigungspersonal entdeckt werden. Aber wann irgendwann ? Gegenüber steht ein beleuchteter Zug, in dem Männer Müll einsammeln. Wir klopfen an die Scheibe, ich versuche, durch mein Feuerzeug ein Lichtzeichen zu geben, weil man uns im dunklen Zug nicht sehen kann, zumal die Fenster des anderen Zugs tiefer liegen als unsere. Wir können nur ihre Körper sehen, nichts oberhalb der Oberarme. Wir entdecken keine Reaktion auf unsere Zeichen.

Das Paar beschließt irgendwann, nach vorne zu laufen. Daran hatte ich schon gedacht, aber ich habe drei (!) Taschen bei mir, zwei große und eine kleine, insgesamt gerade so erträglich schwer. Ich fand mich nicht gerade supermobil. Aber natürlich bin ich hinterher. Dann die Ereichterung, die Vorhut kommt mit der Kavallerie entgegen. Ein Bahner, im Neonwestchen, der nett, pragmatisch und unaufgeregt die Situation klärt. Der Haken: Ausstieg vorne. Also wieder alles zurück, über die Mitte hinaus, in den hinteren Führerwagen.

Die Türen sind so eng, dass ich immer beidseitig anschlage und mich durchzwängen muss. Bei jeder Tür frage ich mich, ob dies wohl meine helle Jacke versaut. Dann sind wir vorne. Der Bahnbär bietet uns an, einen gefühlten Meter tief ins Gleisbett zu springen. Die Dame vor mir zögert und der Bär bietet eine Alternative mit Treppe an. Dazu muss er aber erst die Fahrerkabine öffnen und die dortige Klapptrapp ausklapp.

Der Bär hat aber auch telfoniert, bzw. natürlich gefunkt. Und siehe da, ein Rücktransport in Richtung Bahnhof wordt georganiseerd. Dazu müssen wir einen anderen parkenden Zug auf die gleiche Weise wieder beklimmen und wenig später verlassen, denn, wie man uns mittelt, müssten wir leider noch ein Stück laufen. Weiter als bis kurz vor den Beginn des Bahnsteiges können wir eben nicht fahren, weil wir sonst eine echte Störung im Betriebsablauf werden könnten.

Ich erreichte den nächsten IC nach den Den Haag, mit einer halben Stunde Verspätung. Am Bahnsteig musste ich nochmal 10 Minuten warten. Ich nahm den Schokoriegel aus meiner Tasche und beschloss, mir auf dem Heimweg definitiv ein Bier zu kaufen. Der Zug sah aus wie aus den Siebzigern, orange und braun, ein bisschen französisch, but then not,démodé, but bearing witness of a passado glorioso. Von Den Haag Centraal in die Molenstraat bin ich zum ersten Mal schwarz mit der Tram gefahren. Kein schlechtes Gewissen.

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Türkei — Armenien oder Türkei—Armenien ?

In Het Leventje, Nederlandse Taal on 10. Oktober 2009 at 23:54

Heute habe ich mit Erstaunen und naiver, unbegründeter Freude die Nachricht von der Unterzeichnung eines Abkommens zwischen Armenien und der Türkei vernommen. Zunächst auf tagesschau/de. Ich bin gespannt, welche Details darüber in den kommenden Tagen bekannt werden. Die zweite Knallernachricht seit dem Friedensnobelpreis für Obama. Aber schon anders.

Ich bin auf den Seiten des NOS rumgesurft, der Nederlandse Omroep Stichting, und hab mir die Nachrichten auf Niederländisch angeschaut. Da krieg ich immerhin mit, welche Themen gesetzt werden und das ist interessant. Im Detail habe ich vieles nur halb oder vage verstanden. Aber festgestellt, dass ich mehr verstehe, wenn ich nicht glotze, sondern nur lausche. Beim Zähneputzen etwa oder beim Teekochen ist Niederländisch als reine Geräuschquelle ganz gut zu verfolgen. Aus Sprachschwaden werden dekodierbare Sequenzen, in unregelmäßiger Leichtigkeit und Länge und in unkalkulierbaren Intervallen.

Ein aktuelles Thema ist offensichtlich die Flutung eines Gebiets in Zeeland, das ent-poldert wird. Das ganze ist eine heikle Kiste mit vielen Schichten und Positionen. Im Kern geht es um die Zufahrt zum Antwerpener Hafen, die durch die Niederlande geht. Antwerpen ist seit Ziehung der Grenze zwischen dem heutigen Belgien und den Niederlanden vom Seezugang abgeschnitten, bzw. vom Wohlwollen der Nachbarn abhängig. Ein binationales Abkommen hat einen Plan abgestimmt, den Belangen der Belgier entgegenzukommen, wenn sie es bezahlen.

Flankierend wurden Renaturierungsmaßnahmen beschlossen, die einerseits dem Landschutz durch Rückbau dienen soll (einströmendes Hochwasser bekommt Lauffläche, besser Lastverteilung), andererseits dem Schaffen neuer Naturräume (was in jedem Fall kein blöder Einfall zu sein scheint). Aber es formiert sich heftiger lokaler Protest, unter anderem, weil der Niederländer dem Meer nicht gern was schenkt. Seit Jahrhunderten ging es stets um Landgewinn, Land zurückzugeben erscheint manchem völlig absurd.

Die Entdeckung des Tages sind die Radioclips der NOS. Ich habe den zu Obamas Preis und den zur heutigen Meldung gehört. Ich empfehle diesen hier : http://player.nos.nl/index.php/media/play/tcmid/tcm:5-577678/

Beide Herren klingen auf ihre Weise irrsinnig radiogen. Ich spitze meine Ohren und versuche mein Bestes. Am Anfang sprechen sie sehr dynamisch, schnell und langsam wechselt häufig. Knackige Silben werden ausgekostet (goed gaad — chuudt chaad). Vor allem im hinteren Teil des Berichts wird es dann inhaltlich und sprachlich handfester. Ich bin wirlich sehr gespannt, was dieses Abkommen wird. Ich drücke die Daumen.

Sag mal, spinnt ihr?

In Het Leventje on 9. Oktober 2009 at 23:22

Es gibt Überraschungen und Überraschungen. Eine letztere ist für mich der hohe Kommunikationsbedarf niederländischer Institutionen und der rege Gebrauch, den sie vom Kommunikatonsmittel Briefpost machen. Jeder will einem dauernd irgendetwas mitteilen. Und überall hat man sich ja irgendwie registriert. Bei der Bahn, beim Vermieter, bei der Stadt, beim Museum beim Archiv bei der Uni bei was weiß ich alles. Und mein Parcours ist noch ein Witz, gemessen an dem was Nicht-Eu’lern alles abverlangt wird. Tolles Wortbild. Im ’ liegt die Zukunft. Hier werden Collega’s (yes, eindeutig Plural, aber regelkonform) mit ’ geschrieben. Dat is unser eim ja nix.

Hier hat’s aber auch Tradition. Den Haag war schon des Graven Hag und ” ’s-Gravenhage ”. Niederländisch hat eine Apostrophtradition, in jedem Fall eine andere, als unsere. Mal sehen, ob ich mehr darüber rausfinde. Allerdings sind sie bei der Unterscheidung von echtem und von falschen Apostrophen nur etwas besser als bei uns. Jedenfalls im “vernacular”, wie es wieder in meinem Leben aufpoppt.

Alle wollen einem schreiben, manche mehr, manche weniger hochfrequent. Mein Briefkasten wird ganz ordentlich gefüttert. Um so ärgerlicher ist, je höher der Briefkasten montiert ist. Meiner so hoch, dass ich auf die Zehenspitzen gehen muss, um den Boden sehen zu können. Und: der Kasten ist verdammt riesig, eigentlich schon als Papiermülltonne konzipiert. Fehlt nur der Henkel zum rausziehen und wegkippen. Na, ganz so voll ist er auch nicht, aber ich bin wirlich zu kurz, um auf einen Blick zu sondieren, ob sich die Mühe lohnt, mit meinen kurzen Ärmchen in die hohe tief Box zu greifen, um eventuell einen Gruß aus der Heimat oder eine neue Bankkarte zu erwischen.

Aber Wegkippen geht auch wirklich gar nicht, weil neben den bunten Konsumblättchen oft großformatige (A5/C5) Briefe mit dabei sind, die manchmal nicht unwichtig sind. Hier die aktuellen Beispiele der letzten drei Tage.

Niederländische Bahn

Diese Post kam für Abi (mein Vormieter). Ich skype ihn dann an, und frag, was ich machen soll. Auf, wegschmeißen ? Die niederländische Bahn (http://ns.nl/) versucht seit Monaten ihn zur Verlängerung seiner Bahncard zu treiben. Aber er ist schon weg. Und die haben schon drei oder vier solcher Briefe geschickt. Ok, »Holland« ist klein, aber was für eine Materialverschwendung. Wie wärs bitte mit E-Mail mit Needuuknopf ? Regenwald ? Klimawandel ?

Die Bahn ist echt der Hammer:

Bahn-Post: Anschreiben, Vertragsformular, Rückkuvert, postrei.

Anschreiben, Formularbogen zweiseitig, Rückantwort-Kuvert. Die ganze Mache ist sehr professionell, aber man fragt sich, was es überhaupt soll. Nein, die Bahn hat nicht den Stellenwert meines Handyanbieters. Und nein, ich bin nicht in der Gemeinde der Vielreisenden, ich fahr halt mal rum und dann lohnt es sich schon. Aber ich kauf es mir, wenn ich es brauche. Sehr merkwürdig ist auch, dass draußen nicht draufsteht, was drin ist. Ich kenn eure ganzen Logos noch nicht alle, wie hübsch sie auch anzusehen sein mögen und der Name eines Instituts ist mir Orientierung, Rat und Hilfe. Weniger Reduktion ! Less is less.

Meine Hausverwaltung.

Meine Hausverwaltung.

Doch auch an mich kommt Post. Meine allererste war eine Urlaubskarte von meinen Eltern und meiner Schwester. Das war nett, als Willkommen. Und dann ging es fix los mit der Hausverwaltung. Die ist sympathisch, aber sie schicken gerne Leute hierher und man kriegt die Termine nicht mit. Andererseits schreiben sie gerne Kundenpflegebriefe. Auch die sind nett, aber nie von denen zu Unterscheiden, in denen was ECHT WICHTIGES drinsteht. Mahnung, Wasserabstellung, Kammerjäger, wer weiß schon ? Jepp: Wasserabstellung. Berliner Vermieter schreiben einem weniger, oder ? Jedenfalls mag ich das. No news: good news – only news when bad news. Mach ich ein Managertraining draus.

Gemeente Den Haag — Dienst Stadsbeheer

Gemeente Den Haag — Dienst Stadsbeheer

Der dritte Brief ist von der Gemeente Den Haag — Dienst Stadsbeheer. Außen unauffällig hochgebirgsdunkelsteingrün, innen zwischen Anschreiben (zweiseitig A4) und Telefax (Reproqualität s/w). Die Farben des Fotos kommen nicht ganz hin. Das Grün ist noch etwas matter und unaufgeregter. Sie informieren, wenn ich es recht verstehe, über ein stadtbauliches Vorhaben in meinem nahen Umfeld, den Bau einer Volautomatischen Autoberging. Sie wollen die Innenstadt verkehrsfreier bekommen und planen eine Stärkung des Rings um die Kernstadt. Die Garage ist Teil eine Entwicklungsplans. Ich werde darüber informiert, dass es sowas wie eine Bürgerversammlung/Anhörung dazu gibt. Datum und Ort der Versammlung sind nicht deutlich hervorgehoben, aber im ersten Absatz.

Auf der beigefügten zweiten Seite werde ich informiert, was für ein Vorhaben ansteht, was die planerische Absicht ist (Schmackhaftmachung) und dass meine Stadt, inklusive Gracht, keinen Schaden nehmen wird, sondern vor allem die Gracht da bleibt, wo sie ist und alles neu eingerichtet und städtisch gepimpt wird. Des weiteren wird mir angesagt, welche Gehsteige während der Bauzeit Ungemach verursachen könnten und derlei Dinge mehr. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, in den letzten fünf Jahren in dieser Form von meinem Berliner Bezirk unterrichtet worden zu sein. Aber jetzt mal an beide: wann fangt Ihr eigentlich an, e-Mails zu benutzen ?

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In Binnen on 1. Oktober 2009 at 01:12
Buchbegutachtung im Kurs

Buchbegutachtung im Kurs

Montags habe ich Kurs bei Paul van der Laan. Mit ihm machen wir ein sehr vielschichtiges Projekt in Schriftentwurf und -entwicklung, das sogenannte Revival. Zunächst wurden wir in die Stadt geschickt, um in Antiquariaten nach Büchern zu suchen, die im Bleisatz hergestellt sind und eine Textschrift aufweisen, die uns interessiert. Wärmstens empfohlen wurde uns der Buchladen De Slegde, der mich sehr begeistert hat. Dort stehen nämlich neue, gebrauchte und antiquarische Bücher ausschließlich nach Themen sortiert, und somit ihren Alterskategorien nach ungeordnet zusammen. Das Stöbern war so herrlich, dass ich auf die Auswahl von drei Büchern drei Stunden verwendet habe. Und natürlich noch zwei gekauft habe, die nicht ins Suchprofil passten, wohl aber in meine Laune.

Bilderdijk: De Mensch, Titelgravur

Bilderdijk: De Mensch, Titelgravur

Beim nächsten Termin haben wir alle unsere Bücher begutachtet und uns die Textschriften näher angesehen. Die meisten hatten bereits einen persönlichen Favoriten in ihrer Auswahl, so auch ich. »De Mensch« von W. Bilderdijk, nach dem “Essay on Man” von Pope, erschienen 1808 bei Johannes Allart in Amsterdam. Ich wollte Antiqua und gerne etwas aus den Niederlanden.

De Mensch, Innenseiten

De Mensch, Innenseiten

Die Aufgabe hat drei Teile. Einerseits soll ich herausfinden, mit welcher Type ich es genauer zu tun habe. Das bedeutet Recherche in Archiven und Bibliotheken, in Schriftgeschichtsbüchern und Schriftmustern. Das wird bei mir vermutlich nicht so einfach, aber es verspricht sehr spannend und lehrreich zu werden. Andererseits werden wir Schritt für Schritt die Type rekonstruieren. Die entstehende digitale Interpretation soll dem Original in den wesentlichen Parametern möglichst nahe kommen. Und drittens werden wir das Projekt mit einer Dokumentation abschließen, in der wir unsere Rechercheergebnisse darstellen, unsere Arbeitsweisen festhalten und ausgewählte Doppelseiten des Originals nachsetzen, so dass ein direkter Vergleich möglich wird.

Typographie close-up

Typographie close-up

Ich freue mich extrem auf diese Arbeit, auf alle Teile, und ich hab meinen Forschungsgegenstand bereits ins Herz geschlossen. Auf den ersten Blick würde ich meine Schrift als Barock-/Transitionsantiqua mit niederländischen Proportionen einsortieren. In diese Richtung suche ich nun jedenfalls zuerst, beginnend mit Schriftmustern von Enschede en Zonen, Haarlem. Ein ganz anderer Aspekt dieses Buches ist, dass ich Niederländisch in der geschriebenen Fassung von vor 200 Jahren sehen kann, zum Beispiel mit lang-s, Accent circonflexe und y wo heute vermutlich ein ij steht. Me likes !