Fritz Grögel

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Plantijn-Moretus Museum

In Buiten on 29. November 2009 at 16:57

Innenhof

Nach zwei Konferenztagen und einer eher merkwürdigen Abschlussparty in den Docklands von Antwerpen hat uns Jan-Willem am letzten Tag in das Plantijn-Moretus-Museum geführt. Das ist das Museum für Bleitypographie und Buchkunst der niederen Lande, und obwohl mir hier der Vergleich aus persönlicher Anschauung vollständig abgeht, wage ich zu behaupten, dass es auch weltweit einzigartig sein dürfte.

Die beiden Familiennamen im Titel stehen für Christophe Plantin und Jan Moretus. Christophe Plantin, ursprünglich Franzose, wurde in der Gegend von Tours um 1520 geboren und siedelte etwa 1549 nach Antwerpen um. Später niederlandierte er selbst seinen Namen in Christoffel Plantijn, im Englischen liest man Christopher Plantin.

Christoffel Plantijn

Plantijn gründete in Antwerpen die »Verlagsdruckerei« Zum goldenen Zirkel (»Gulden Passer«). Zu dieser Zeit waren Druck, Verlagswesen und Buchhandel noch nicht klar getrennt. 1576 siedelte das auch als Officina Plantiniana bekannte Unternehmen in einen Häuserblock am Vrijdagmarkt um, wo heute der Eingang zum Museum ist. Allerdings entspricht der heutige Gebäudekomplex nicht dem anfänglichen Zustand. Große geschäftliche Erfolge erlaubten, nach und nach Nachbargrundstücke zu erwerben und den Betrieb über Generationen auszubauen. Der Kern ist allerdings seit über vierhundert Jahren eine Renaissance-Druckerei und es ist höchst erstaunlich und großartig, wie sehr das Gebäude, die technischen Einrichtungen und die Sammlung an Manuskripten und Druckwerken diese gesamte Zeitspanne nachvollziehbar machen.

Balthasar Moretus

Plantijns einziger Sohn starb noch im Kindesalter und so ging der Betrieb nach seinem Ableben 1589 in die Hände des Gemahlen seiner zweiten Tochter über, der Jan Moerentorf hieß und seinen Namen in Moretus latinisierte. Die Moretus-Familie blieb über Jahrhunderte der Devise treu, dass jeweils das Kind mit der besten Eignung das Haus übernehmen sollte. Der letzte in der Reihe, Edward Moretus, verkaufte das gesamte Anwesen mit dem größten Teil des Druck- und Buchinventars nach dreijährigen Verhandlungen 1876 an die Stadt Antwerpen, die zum Erwerb ein Darlehen des belgischen Staates benötigte. Die dreihundertjährige Geschichte des Verlags endete, die 130-jährige Geschichte des Museums begann.

Beschrijvinghe der nieuwer Cometen

Der Gründer des Goldenen Zirkels, Christoffel Plantijn, war Humanist und reformatorischen Strömungen gegenüber äußerst empfänglich. Allerdings musste er Zeit seines Lebens zwischen seinen inneren Überzeugungen und seinem menschlichen wie geschäftlichen Überleben abwägen und lavieren. Die niederen Lande standen unter spanisch-habsburgischer (katholischer) Herrschaft, seine ersten Geschäftserfolge verdankte er jedoch Calvinisten und protestantischen Sekten. In seine Lebenszeit fällt die Spaltung der niederen Lande in zwei Hälften (1579). Obwohl calvinistische Hochburg, stand Antwerpen schließlich (1585) unter spanischer/katholischer Hoheit.

Die Gunst des Königs erwarb sich Plantijn durch Erarbeitung, Druck und Herausgabe einer achtbändigen polyglotten Bibel in Latein, Griechisch, Hebräisch, Syrisch und Aramäisch (1568–1573). Dafür wurde er von Philipp II zum architypographus der niederen Lande ernannt und bekam Folgeaufträge: ab 1571 hatte Plantijn ein exklusives königliches Privileg für den Druck von liturgischen Texten für Spanien. Welche Einflüsse sich aus dieser Tatsache für die Entwicklung der Typographie in der spanischsprachigen Welt ergaben, wäre eine interessante Forschungsaufgabe. Die neue Geschäftsgrundlage sorgte für einen raschen Aufschwung, die Zahl der Druckerpressen verdreifachte sich auf sechzehn.

Druckerei

Plantijn baute die größte und bestausgerüstete Druckerei seiner Zeit auf und belieferte den niederländischen, französischen, deutschen, spanischen, italienischen und englischen Markt. In seiner Lebenszeit erschienen 1.887 Mehrblattdrucke, durchschnittlich 55 per Jahr. Etwa 33% davon sind religiöse Werke, 20% humanistische Texte, weitere 5,5% Lehrtexte der Geisteswissenschaften und 7% Grammatiken und Wörterbücher, darunter die ersten der niederländischen Sprache überhaupt. Jursiprudenz, Technik und Wissenschaften haben einen Anteil von 15%. Plantijn war der humanistische Drucker der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, seine Leserschaft die Bildungselite Europas. Gegen Ende seines Lebens ging es allerdings steil bergab. In Folge der Kriege ging Antwerpens Goldenes Zeitalter rasch und heftig zu Ende.

Wandbehang mit Ziervogel

Plantijns erster Nachfolger, Jan Moretus, trat ein großes, aber schweres Erbe an. Der Verlag durchlief die größte Krise seiner Geschichte. Allerdings blieb der Goldene Zirkel die offizielle Druckerei der Stadt, hielt weiter ein Privileg zum Druck liturgischer Texte in den niederen Landen und gewann neue Kunden unter den religiösen Orden, allen voran die Jesuiten. Auch die Beziehungen nach Spanien wurden wieder ausgebaut: in einem Geschäft von 1606 wurde vereinbart, dass der »rezo romano« für Spanien und das spanische Weltreich wieder in Antwerpen gedruckt werden würde. Die ersten Drucke des rezo erlebte Jan Moretus nicht mehr, doch sollten die Folgegenerationen von diesem Handel enorm profitieren. So wurde aus der Druckerei des Humanismus die Druckerei der Gegenreformation, wobei das eine das andere nie ganz ausschloss. Der humanistische Philosoph Justus Lipsius war Freund des Hauses und jährlich wurde mindestens eines seiner Bücher bei Moretus neu aufgelegt oder nachgedruckt. Ebenso in die Zeit von Jan Moretus fällt der Beginn der Zusammenarbeit des Goldenen Zirkel mit Peter Paul Rubens und insgesamt ein besonderes Augenmerk auf hervorragende Druckwerke in Material, Schrift, Illustration und Ausstattung.

Wenzeslas-Bibel, Illumination auf Pergament, um 1400

Der Westfälische Friede von 1648 brachte die internationale Anerkennung der Niederländischen Republik und für Antwerpen die größte denkbare Katastrophe. Die Schelde wurde offiziell geschlossen und der Stadt damit der Zugang zum Meer abgeschnitten. Geld und Kunst verließen die Stadt und die Druckerei zum Goldenen Zirkel wurde immer ausschließlicher vom Druck des »rezo romano« abhängig, der allerdings äußerst einträglich war. Der Rest der Geschichte, kurz gefasst: Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wird die Familie in den Adelsstand erhoben, im 18. Jahrhundert läuft typographisch und publizistisch nix Dolles mehr, aber durch Spekulation werden die Moretus stinkreich. 1764 jedoch entzieht der spanische König die Lizenzen aller ausländischen Drucker in Spanien und das Geschäft kollabiert. Bis um 1800 herum dümpelt der Betrieb noch so vor sich hin, dann wird immer mal dicht und dann doch wieder aufgemacht. Und wenn, dann eher aus Traditionsgefühl, denn mit festen Geschäftsabsichten: die Familie hat es nicht mehr nötig. Zum Glück muss man sagen, denn sonst hätten sie vielleicht »modernisiert«, alles rausgerissen und sich einen Park Linotypen reingestellt.

Heute schreitet man durch Räume mit Renaissance-Ledertapten und Gobelins, Portraits der Familienmitglieder in Öl von Rubens, besieht in Vitrinen die zusammengesammelte Buchkunst von hochmittelalterlichen Manuskripten, Wiegendrucken, von eigenen und ausgewählten fremden Produktionen. Die Funktionsräume entsprechen teilweise noch dem Zustand der Renaissance, die meisten allerdings einem späteren Zeitpunkt. Persönlich haben mich am meisten die Druckerei, das Plantijnsche »Büro« und der Raum der Korrektoren beeindruckt, die in enormem Tempo die Bogen prüfen mussten, in Latein, Griechisch et cetera.

Korrektorenkammer

Korrekturbogen

Die ausgestellte Sammlung an Druckwerken ist umwerfend. Vom Plakat, das ein zur Vermietung stehendes Haus kennzeichnet, über Landkarten und Illustrationen bis zu den unterschiedlichsten Büchern in den verschiedensten Sprachen und Schriften. Wer mehr über die Abläufe einer Buchproduktion vor 400 Jahren erfahren möchte hat hier die beste Gelegenheit. Nebeneinander liegen die Skizze eines Titelblattes von Rubens, die Kupferplatte des Stechers, die Typografischen Satzblöcke, die eingedruckt wurden und das aufgeschlagene Buch. Deutlicher gehts nicht.

Dieses Haus ist zu mieten gegen mitte März.

Was mich bei Plantijn-Moretus zudem völlig umhaut ist die Vielfalt in den Schriften. Da sie für verschiedensprachige Märkte arbeiteten verfügten sie auch über einen reichen Bestand an Typen. Zum einen die »Exoten« der Renaissance, Griechisch, Hebräisch, Syrisch etc. für die kritischen Bibelausgaben, zum anderen gebrochene Formen für Niederländisch [Nederduits], Deutsch [Hoogduits], und auch Französisch (Bastarda, Civilité). Das Beispiel hier fand ich besonders anregend: Lateinische Versalien, Textur und Bastarda, alles auf einem Titel und mit inhaltlicher Funktion und sprachlicher Zuweisung. Awesome !

Twee boeken van de Standtvastigheyd, Julius Lipsius

Der Raum der Schriftgießerei von 1622 ist als solcher weniger beeindruckend. Es ist eben weder die Zeche Zollverein noch Thyssen-Krupp, für Lettern müssen keine Tonnen Material pro Stunde umgesetzt werden. Zwei kleine Öfen tun es, um stetig den Bestand zu erhalten, der beim Drucken verschleißt. Merkwürdig ist allerdings, dass der Raum im Obergeschoss liegt und nicht zu ebener Erde, wie man denken würde. Eine Erklärung dafür konnte ich nicht finden.

schmelz ...

Guß-Eisen

Und dann die Stempel und Matrizen ! Zu Zeiten olle Plantijns waren Stempelschneider und Schriftgießer bereits als Berufsbild aus dem Druck- und Verlagswesen herausgelöst, Plantijn jedoch wollte nicht kaufen, was er kriegen konnte, sondern setzte auf sorgsame Auswahl und Auftragsproduktion. Im Bestand des Museums sind heute etwa 4.500 Stempel und fast 16.000 Matrizen. Sie bilden etwa 90 Serien verschiedener Schriften in unterschiedlichen Graden. Damit ist die Stempelsammlung auf Platz fünf der größten Sammlungen der Westlichen Welt. Nur die Imprimerie nationale in Paris, die Druckerei Enschedé in Haarlem, die University Press in Oxford und der Vatikan haben mehr. Herausragend macht die Sammlung vor allem ihre Qualität: Claude Garamond, Guillaume Le Bé, Robert Granjon, Pierre Haultin und Hendrik van den Keere machen das Plantijn-Moretus-Museum zum Brennglas des 16. Jahrhunderts. Von den heute vorhandenen 22.000 kg gegossenen Lettern stammt noch etwa die Hälfte aus der Zeit von Christoffel Plantijn und Jan Moretus, die andere Hälfte wurde im Laufe der Zeit nachgegossen.

Matrizen Griechisch

Und das beste ist: genau zum Thema Stempel fahren wir irgendwann noch mal nach Antwerpen. Watch out for follow-ups !

Source / Quelle / Bron:
Francine de Nave & Leon Voet: Plantin-Moretus Museum Antwerp (englische Ausgabe),
Ludion Ghent-Amsterdam, Reprint 2004, ISBN 90-5544-520-7
Auch in Französisch und Niederländisch erhältlich.

Wer noch mehr und im Netz lesen möchte: The Golden Compasses — The History of the House of Plantin-Moretus von Leon Voet

Antwerpen

In Buiten, Uncategorized on 28. November 2009 at 18:57

Nur einen Handwurf

Ein Bilderbogen zu Antwerpen muss mit dem Motiv überhaupt starten: Brabo wirft die Hand des Riesen. Die Häuser im Hintergrund sind übrigens Reinterpretationen des 19. Jahrhunderts, nicht die originale Platzbebauung.

Schelde

Antwerpen liegt an der Schelde und hat einen der wichtigsten Häfen Europas. Weil der Weg zum offenen Meer durch niederländisches Gebiet führt, gab und gibt es immer wieder Streit zwischen Belgien und den Niederlanden.

Skyscraper

Der älteste Skyscraper Europas wurde 1930 eröffnet und heißt Bauernturm. Pioutifull.

deSingel, Veranstaltungsort der integrated 2009

deSinghel, innen

DeSingel, der Veranstaltungsort der integrated-Konferenz.

I like Frauen mit Blitze

Brabo

Vom Heldenjüngling Brabo wird der Name Brabant abgeleitet (spricht man übrigens Brábant und nicht Brabánt, wie ich immer dachte). Heute gibt es eine Provinz Noordbrabant in den Niederlanden und Flämisch sowie Wallonisch Brabant in Belgien (die Umgebung von Brüssel). Merkwürdiger Weise gehört Antwerpen heute nicht mehr zu Brabant. Die Provinz heißt ebenfalls Antwerpen.

Tram

Antwerpen hat ein Tramnetz, das im Innenstadtbereich teilweise unterirdisch als U-Bahn ausgebaut ist. Wie in Bonn oder Philadelphia. Es gibt neue und alte Züge. Die alten sind sehr hübsch und haben mich stark an Lissabon erinnert. Die kariolen auch genauso wild durch die engen Straßen der Altstadt.

U-Tram-Station

Tramanzeige

Tramanzeige

Besonders angetan hat es mir die tolle Anzeigetechnik im ÖPNV Antwerpens. Das ist quasi der Vorgänger zu unseren Hightechanzeigen in Berlin. Die roten Leuchten zeigen einem an, wieviele Minuten die nächste Tram noch etwa entfernt ist. Nicht so schnell auszulesen für den Ortsfremden, aber todschick.

Gerichtsgebäude

Palais de la Justice. Sehr abgefahrener Gerichtsneubau am Stadtrand. In diesem schwebenden Betonarm ist einer von vier großen Sitzungssälen.

Straße der Gier

Hier ist die Straße der Gier und das reimt sich auf Bier. Typographisch eine Todsünde.

Handbier

Das lokale Bier hat natürlich auch die Hand des Wurfs zum Logo. Ein kräftiges, äußerst leckeres halbdunkles Bier.

Keep in Touch

Die Kirch

Bäcker

Flamen sind Holländer mit Geschmack. In Antwerpen ißt man viel besser als in  Den Haag. Bei den Bäckern spürt man einen französischen Einfluss. An den Fressalien einerseits, aber auch an Schriftdetails:

Ambachtelijke bakerij

Ambachtelijk heißt handwerklich. Solche Schilder habe ich in den Niederlanden noch nicht gesehen, wohl aber in Frankreich.

Mehr Brot

Antwerpen fühlt sich recht großstädtisch an, viel metropolitaner als Den Haag. Altes und Neues kracht aufeinander, Schickes und Häßliches, Einheimisches und Immigriertes. Alles ist etwas weniger herausgeputzt bzw. schmuddeliger. Eine Stadt zum Wohlfühlen.

Jesuitenkirche

Die Protestanten konnten Antwerpen nicht gegen die Spanier halten und so blieb die Stadt katholisch und wurde sogar zu einem Zentrum der Gegenreformation. Wie in Brasilien oder Portugal gibt es eine große Jesuitenkirche in der Mitte der Stadt. Der Platz davor sieht aus wie im Süden. Die Rückseite gibt ein ausgewogeneres Bild von der heutigen Stadt.

Jesus

Auch andere Details haben mich an Brasilien erinnert. Etwa die vielen kleinen christlichen Splitterkirchen, die sich nicht verstecken, sondern sehr uitgoing sind. Die niederen Lande sind immer noch ein fruchtbares Feld für religiöse Triebe allerlei Art.

Mystery magasin

Kryptik im Alltag: wir sagen euch zwar nicht, was wir machen, aber wir haben bis 24 Uhr geöffnet !

Koffers

Vanhoffelen — modern

Flamenstolz

Saucenzitzen

Bei schmierigen Mayosaucen sind sich alle wieder einig: auch die Belgier lieben ihre Frittierwaren mit vielen verschiedenen Toppings. Die kommen fertig in Flaschen und werden auf die Fritten gemolken. Mahlzeit !

INN TEG RA TED 2009

In Buiten on 27. November 2009 at 17:09

Integrated 2009

Meiner mangelhaften Onleinigkeit der letzten Wochen ist es zu verdanken, dass der Gegenstand dieser Erfahrung bereits einen geschlagenen Monat zurückliegt. Ende Oktober waren wir für drei Tage auf Exkursion in Antwerpen. Den äußeren Anlass dazu gab eine zweitägige Design-Konferenz, integrated 2009. Die Konferenz findet erst seit 2007 in zweijährigem Rhythmus statt und wird vom Fachbereich Grafik der Sint-Lucas-Schule in Kollaboration mit dem Veranstaltungsort, deSingel Internationale Kunstcampus, organisiert. Wer bei Sankt Lukas an Mittelalter und Zunft denkt, liegt goldrichtig: in Belgien tragen einige Schulen für Gestaltung den Schutzpatron der Maler im Namen.

Das Programm der Konferenz ist definitiv auf 2D ausgerichtet, von Typo über Plakat, Photo und Werbung bis Neue Medien und ist eingleisig angelegt, das heißt, alle Vorträge finden in einem einzigen, riesigen Saal statt. Die 900 Besucher sind überwiegend Studenten aus Belgien und den Niederlanden, aber auch ein paar Deutsche waren dabei. Veranstaltungssprache ist Englisch, was die Konferenz international zugänglich macht und den Sprachenkonflikt zwischen Flämisch und Französisch in Belgien umgeht.

Sagmeister

Im Programm herrschte eine bunte Mischung aus lokalen Größen, internationalen Stars und studentischen Start-ups. Besonders unterhaltsam fand ich den Vortrage von David Shrigley, bei Mevis & van Deursen war der Vortrag etwas arg trocken, dafür waren die Arbeiten um so großartiger. Annelys de Vet stellte hauptsächlich drei Projekte vor, in denen es um eine kritische Auseinandersetzung mit Eigen- und Fremdbildern in Mainstream-Medien geht, den Subjektiven Atlas Palästinas, den Subjektiven Atlas Serbiens und De Publieke Zaak van de Grafisch Ontwerper, die Dokumentation eines Lehrprojektes, in dem sich niederländische Grafikstudenten mit ihrem eigenen Land auseinandersetzten. Dieses Buch war für mich natürlich ein gefundenes Fressen für einen tieferen Einblick in die zeitgenössische niederländische Seele und ich habe es sofort im Konferenz-Bookshop erstanden. Das Aufmerksamkeitszugpferd des Tages war mit Sicherheit Monsieur Sagmeister, der in einer perfekten Performance zeigte, womit er sich in seinem Sabbatjahr in tropischen Gefilden bechäftigt hat. Perfekt vorbereitetes Präsentationsmaterial (Video, Photo, Charts), komplett freie Rede, ständig fühlbarer roter Faden, körperliche Präsenz on stage.

Typeradio

Präsentationstechnisch den Vogel abgeschossen haben für mich aber trotzdem andere: Typeradio trug im Quartett und a capella vor. Und die hatten vorher offensichtlich wirkich probiert, so gut wie sie das hinbekommen haben. Chapeau ! Highlight des zweiten Tages war Storm Thorgerson, der atemberaubende Bilder mit unwiderstehlichem Britischem Witz verband. Erik Kessels von Kesselskramer lieferte ein zwiespältiges Bild. Einerseits die angestrengt hippe und witzige Selbstdarstellung einer Werbeagentur, andererseits wirklich witzige und intelligente Arbeiten, darunter seine dem Profanen und Grotesken gewidmeten Fotobücher, die ich sehr liebe. Als Präsentation weniger schnittig, inhaltlich aber sehr spannend, war, was ein Konglomerat aus Professoren, Forschern und Studenten über Nodebox zu erzählen hatten. Nodebox ist ein Cousin von Drawbot, ein Python-basiertes Tool zur Programmierung von Grafik. Check it out !

Buntes

In Het Leventje, Nederlandse Taal, Productwatch on 17. November 2009 at 12:40

Knorrfix für Dürüm

Großartige Initiative von Knörr: Dürüm jetzt zu Hause einfach selber machen ! Das geht wie mit dem Zauberstab und schmeckt der ganzen Familie. Ich bin ziemlich sicher, dass sich die Türkischen Dönermänner nicht sehr fürchten müssen.

Typhoon Mode

My Phoon is your Phoon.

Passende Mode für Sie und Ihn könnte ich jetzt im Lederatelier Typhoon kaufen. Das liegt auf meinem Weg zum Supermarkt. Nur leider hat der Laden immer schon zu, wenn ich hier vorbeikomme. Öffnungszeiten in Den Haag sind superprovinziell. Von 9 bis 6, manchmal 7, am langen Donnerstag (!) bis 9 oder 10. Meistens komme ich um halb Zehn aus der Academie. Also nix mit shopping. Nur Albert Hein hat immer und überall bis 10 auf. Und da grüßt mich dann eben dieses schöne Schild, dessen kommunikative Kraft nicht sehr verlässlich ist, also her mit roten Neonpfeilen. Großes Werbekino !

Hundepups

»Hondenpoep« (sprich Hondenpuup) ist eines meiner aktuellen Lieblingswörter, stark in Wettstreit mit »Uitvaartkist«. Letzte Ausfahrt: Kiste. Ich habe am Wochenende in Ludwigsburg übrigens festgestellt, dass wir im Deutschen für UI doch einen annähernden Laut haben, und zwar das schwäbische AU. Das ist ähnlich nasal und verzogen. Mein schwäbischer Lieblingwitz geht so: Kommt ne schwangere Frau zum Bäcker und sagt: I krigg a Broodt. Sagt der Bäcker: Sachen gibt’s !

Stein

In Binnen, Buiten on 16. November 2009 at 00:18

Skywalk, lettering, party time, excellent.

Seit einigen Wochen haben wir weitere Unterrichtseinheiten mit weiteren Lehrenden. Françoise Berserik lässt uns Mittwoch morgens Schrift in Stein schlagen. Zum Auftakt hat sie uns auf einen Letteringwalk durch die Innenstadt mitgenommen. Großartig. Großartig war sogar das Wetter, einer der kältesten, aber auch schönsten Tage des Herbstes.

Lettering Walk
Die erste Übung im Kurs war, einen Stammstummel mit zwei verschiedenen Enden zu schlagen. Auf einer Seite eine Sans-Serife, auf der anderen eine Serife oder auch Fisch-Serife. Ich habe einen harten, grauen Stein aus Belgien, der total stinkt, nach Schwefel und anderen Noten aus den Sedimenten des Planeten. Aber der Stein ist gut zu mir und so mag ich den Geruch. Ich dachte, er wär so schön weich, weil er so nett zu mir ist und meine Geraden und Winkel recht treu annimmt. Bis Françoise mich aufgeklärt hat, dass es genau das Gegenteil ist: er ist wunderbar hart. Öhm.

Serifen

Die erste Entdeckung war, dass man den Stamm nicht vom Umriss denken muss, sondern aus der Mitte. Das heißt, beim Anzeichnen ist es erstmal schon noch wie man denkt, aber wenn man dann einmal eine Mittellinie im Stamm definiert hat, passiert alles weitere von dort aus.

Steinmetzgerei Loderreiter

Man schabt und schlägt sich vorsichtig und in dünnen Schichten in den Stein und geht nach und nach tiefer, aus der Mitte heraus. Bei Kurven setzt man außen an und versucht zunächst, die geplante Fluglinie soweit festzuklopfen, dass der Meißel eine Führung bekommt. Wenn die passt, muss man danach nur brav folgen. Danke, Frank für das Foto! Und: Ja, den Pullover gibts immer noch.

Rubbelprobe

Die nächste Überraschung war, dass man auch bei Stein korrigieren kann. Zuerst hat man Angst, dass ein falscher Schlag gleich alles versauen kann. Das ist aber nicht so, weil man ja schichtweise tiefer geht, kann man auch Misslungenes wieder in Ordnung bringen. Gegen Ende wirds immer langsamer und genauer, und man macht Rubbelproben, die einem ein anderes Bild geben. Hier sieht man vieles, was am Stein nicht auffällt. Andererseits ist das Bild im Stein doch etwas anderes, wegen Plastizität und Licht und allem. Das eine steht nicht für das andere.

Ernah

In der zweiten Übung haben wir ein »R« vorgezeichnet. Weil man die Counter ausgleichen muss, weil es horizontale, vertikale und diagonale Striche hat und ein wichtiges Dick-dünn-Spiel.  Man muss mit den dünnsten Stellen vorsichtig anfangen und dann in die fetten/tiefen Teile gehen.

R fern

Die Bogen sind auch beim Stein gedachte weichfließende Kurven. Wie bei einem zeichnerischen Prozess geht man die Ideallinie immer wieder entlang und versucht, an den richtigen Stellen die Dynamik hineinzubringen. Da stand ich dann oft wie der Ochs vorm Berg. Man sieht vielleicht, wo es hin soll, aber muss dann jetzt oben am Strich mehr weg oder unten. Bzw. gleichmäßig, oder gerade nicht. Da fragt man dann Françoise, weil man am Ende wirklich alles versauen kann. Françoise sagt einem auch, wann man aufhören soll. Super.

Schreiben. Zeichnen.

In Binnen on 15. November 2009 at 23:03

Bogenübung, Pinsel

Die ersten Wochen waren geprägt von handwerklichen Übungen mit dreierlei Schreibwerkzeug: mit der Breitfeder, mit der Spitzfeder und mit einem breiten Pinsel. Es ging um Hand, Konzentration und Wahrnehmung. Mit dem Pinsel haben wir, wie mit der Breitfeder ein Ausgangsmodell geschrieben, das auf der humanistischen Minuskel basiert. Aber darum geht es eben nicht in dem historischen Sinne. Es geht darum, sehr genau einzuhalten, wie Zeichen formschön und logisch aufgebaut werden. Es ist eine recht analytische Methode finde ich, und man merkt, wie man seine Augen umstellt.

Natürlich geht es auch viel um Kontraste und den Winkel der Spitze, um die tatsächliche und idealtypische Ausformung der Schwünge und Züge. Es hat etwas gedauert, den Unterschied zu kurrenten Arten der Kalligraphie zu checken, dieses Schreiben ist gesetzt und sehr diszipliniert. Antiqua eben und nicht Anglaise. Intime Freundschaft schließen mit dem Translationskontrast.

Sehr interessant war für mich, mit einem breiten Pinsel zu arbeiten. So wie ich bei der Breitfeder sprachlich zwischen Schreiben und Zeichnen schwanken würde, schwanke ich hier zwischen Schreiben und Malen. Aber es darf nie wirklich eines der beiden sein. Den breiten Pinsel hat uns Peter Verheul ans Herz gelegt.

Spitzfeder

Dem gegenüber steht die Sensibilisierung für die Spitzfeder und die Expansion. Auch für den pointed pen gibt es ein Modell von Erik van Blokland, dass sehr auf das Wesentliche reduziert ist und einen vieles ausloten lässt. Mal wird man zu karrikatural, mal zu flüssig, mal zu steif. Schritt für Schritt, Kleinbuchstaben, kursive Gemeine, Versalien. Drawing print forms. Sprünge der Federstellung, Detailmerkmale der Expansion, die man nicht kannte. Ich hab einen Narren daran gefressen. It’s so exotic.

Zeichnen. Translations-Linie.

Die intensive Schreibphase wurde inzwischen durch eine intensive Zeichenphase abgelöst. In mehreren Kursen versuchen wir, Typographie mit Transparent, Papier, Bleistift und Filzer zu fassen. Bei Peter Verheul sind wir der Translation treu. Wir bauen auf Pinselzeichen auf und versuchen, einen Roman-Schnitt darauf zu erzeichnen. In weiteren Schritten geht es darum, eine Abwandlung mit besonders hohem und eine mit besonders geringem Kontrast zu entwickeln, die als Kinder der gleichen Familie betrachtet werden können.

Da dreht und wendet man seine Transparentchen viel, schon allein, um die Zeichenreihe mit dem »Grundschnitt« hinzubekommen. Pech hat, wer ein »o« drin hat, da kann man nämlich lange Zeichnen, bis das mal den richtigen Kontrast und die richtige Breite und die richtige Fette hat.

Sans Access

In Uncategorized on 15. November 2009 at 21:55

Me voilà après trois semaines sans accèss à internet. Dat is niet goed. Da ich gerade viel handwerke, wars kein Supergau, aber es fehlen eben x Mal am Tag die kleinen Griffe, um en ligne zu bleiben. Ich bin jetzt mal wieder da, aber wundert euch nicht, wenn ich dann wieder weg bin. Es geht rund und das ist auch gut so. Häppchenweise Bildauffrischung voraus.